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A morning on the dart

7:45 Uhr: Wie immer völlig abgehetzt komme ich an der Dart (=Dubliner S-Bahn)-Station an. Rechts und links von der Tuer warten schon die freundlichen Herren, die mich jeden Morgen mit Gratis-Zeitungen versorgen. Mit der linken Hand im Vorbeilaufen die Metro abgreifen, mit der rechten den Herald AM, dabei versuchen, beiden gleichzeitig dankbar zuzulaecheln und nicht gegen die Glastuer zu rennen. Dann die naechste Aufgabe: Das Drehkreuz passieren. Natuerlich faehrt genau in diesem Moment die Dart ein. In den Tiefen meiner Handtasche krame ich hektisch nach meinem Geldbeutel mit der Fahrkarte. Als ich ihn endlich finde, ist die Dart natuerlich schon abgefahren. Egal, die naechste kommt in 10 Minuten.

Schnell fuellt sich der Bahnsteig wieder mit den ueblichen Gestalten, Maenner in Anzuegen und Frauen in adretten Kostuemchen, Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Wo man sich bis vor ein paar Jahren noch nett mit seinem Nachbarn unterhielt, toenen jetzt nur noch verzerrte Musikfetzen aus schlecht isolierten Kopfhoerern. Schon laengst hat die Generation iPod von den morgendlichen Bahnsteigen Besitz ergriffen. Nur ein paar alte Leute, die die altersbedingten Schlafstoerungen zu dieser fruehen Stunde aus dem Haus getrieben haben, tauschen noch den altbekannten Dialog aus, mit dem in Irland einmal jedes Gespraech zu beginnen schien:

 

Wenn gerade die Sonne scheint:

A: Beautiful day today, isn’t it?

B: Yes, but I think we might have some rain later... (Weil das ja immer so ist)

 

Wenn es gerade regnet:

A: Dreadful day today, isn’t it?

B: Yes, but I think the sun might come out later... (Weil das ja immer so ist)

 

Die Dart faehrt ein, wie immer zu dieser Stunde voellig ueberfuellt, man quetscht sich hinein, versucht, ein Plaetzchen zu finden, wo man noch etwas Luft um sich hat. Eigentlich sieht mein Lernplan ja vor, dass ich die morgendlichen 60 Minuten Dartfahrt dafuer nutze, in meinem Klinische Psychologie-Buch zu lesen. Daran ist in dem Gedraenge aber nicht zu denken. Also lieber Zeitung lesen. Da stellt sich aber schon das naechste Problem: Wie im Stehen die Zeitungen lesen, ohne umzufallen? Ein Blick auf meine Mitreisenden zeigt mir schnell, dass es dafuer 2 Moeglichkeiten gibt: Entweder, man ist der Kunst des Zeitungsorigami maechtig, kann das Papier so auf eine handliche Groesse falten, dass man trotzdem noch die ganzen Artikel lesen kann, und so die andere Hand benutzen, um sich mit Hilfe eines Haltegriffs einen stabilen Stand zu verschaffen. Oder aber, man kann dies eben nicht, braucht beide Haende, um die Zeitung zu halten, und stolpert folglich unkoordiniert dem Ruckeln und Zuckeln des Waggons folgend durch die Gegend. Da ich kein Origami kann, bleibt mir wohl nur letzteres. Mal sehen, was Herald AM heute so zu bieten hat: Der durchschnittlliche Hauspreis in Dublin ist auf 530 000 Euro gestiegen (schluck), Siobhan O’Reilly (who the f***???) wurde gestern bei You’re a star (=irisches DSDS) rausgewaehlt und ganz Irland wartet gespannt auf das Finale der All Irish Hurling Championship am Wochenende, in dem Waterford gegen Kerry antreten wird. Metro bietet mir in etwa die gleichen Informationen, nur in anderer Reihenfolge. So, dann kann ich doch heute in der Arbeit wenigstens wieder ein bisschen so tun, als wuesste ich, worum der taegliche Klatsch und Tratsch sich so dreht.

Wir haben inzwischen das Stadtzentrum erreicht, die Dart spuckt die Leute in Richtung ihrer jeweiligen Arbeitsplaetze aus und ich schaffe es, einen Platz- noch dazu am Fenster- zu ergattern. Dann waere jetzt wohl der Moment fuer mein Klinisches-Psychologie-Buch gekommen. Schon nach dem ersten Absatz jedoch ertoent auf einmal die Stimme einer Zigeunerin: „Good morning, Ladies and Gentlemen...“. Dann faengt sie an, mehr schlecht als recht „My heart will go on“ aus Titanic zu singen. Besonders die hoeheren Toene scheinen ihr einige Probleme zu bereiten, und an ein konzentriertes Weiterlesen ist nicht zu denken. Endlich ist sie fertig und geht den Gang entlang, um Geld einzusammeln. Wo in Deutschland wohl jeder entnervt in eine andere Richtung schaut, kramt der Ire ein paar Muenzen aus der Hosentasche und bedankt sich noch mit Kommentaren wie: „Lovely voice, Love...“

Dann steigt sie aus und ich krame, um mich vor kommenden Gesangseinlagen zu schuetzen, wieder meinen iPod aus der Tasche. So kann ich die Musik wenigstens selbst bestimmen. Ich entscheide mich fuer eine meiner Lieblins-U2-Cds, „All that you can’t leave behind“, und wende mich wieder meinem Buch zu. Psychosomatische Störungen. Sehr interessant. Nach dem naechsten Abschnitt blicke ich unguenstigerweise auf und mein Blick faellt aus dem Fenster. Die Dart hat inzwischen den Teil im Sueden Dublins erreicht, den die Einheimischen liebevoll „The Irish Amalfi“ nennen, der Zug faehrt genau an der Kueste entlang, und vor meinem Blick erstreckt sich die irische See, von der Morgensonne in ein glitzerndes Funkenmeer verwandelt. Genau in diesem Moment ist Bono beim Refrain angekommen: „It’s a beautiful day, don’t let it get away...“. Und ich denk mir nur noch, dass es Momente wie diese sind, die das Leben lebenswert machen, und psychosomatische Störungen sind auf einmal völlig unwichtig geworden. Der Zug faehrt an Bonos Haus (Klar, jeder Ire, der Geld hat, wohnt hier...) vorbei und ich winke in Gedanken mal kurz rueber, um Guten Morgen zu sagen. Er hat von seinen Fenstern aus genau diesen „Scheisse ist das schoen“-Blick, und ich bin mir in dem Moment sicher, dass er den Refrain von Beautiful Day bestimmt eines Morgens geschrieben hat, als er nach dem Aufstehen genau das sah, was sich nun vor meinem Auge ausbreitet.

Als ich mich endlich von der Aussicht losreißen kann, ertönt die Ansage: „Next stop, Shankill“. Tja, das waer dann wohl meiner. Ich packe mein Buch weg und stehe auf. Hat heute wohl nicht so geklappt mit dem Lernen. Vielleicht ja auf der Heimfahrt...

6.8.06 18:19
 


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