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To hell or to Connaught

Eine unvertraute Stille breitet sich um mich aus. So weit das Auge reicht, nur Moor, Berge, vereinzelte karge Sträucher, und das Meer. Lediglich das Bellen eines Hundes in der Ferne zeigt mir, dass es da, irgendwo dort draußen, so etwas wie Zivilisation gibt.
Doch still ist es nur für unsere stadtgeplagten Ohren. Hört man genau hin, so ist die Luft erfüllt von tausenden von Geräuschen.
Steine, die unnatürlich laut unter meinen Schritten knirschen.
Eine Biene, die träge vorbeisummt.
Der Wind, der durch das Moorgewächs raschelt.
Und Wasser: Wasser, in all seinen akustischen Ausprägungen.
Regentropfen, die auf die Blätter der kargen Sträucher fallen.
Der moorige Boden, der meinen Fuß nach einem unbedachten Schritt nur widerwillig schmatzend wieder frei gibt.
Das glucksen und plätschern der Bäche, die den torfigen Grund durchfurchen.
Das leise Platschen der Meereswellen an den Strand...

Dort, direkt am Ufer, vom Weg nur durch gewagte Sprünge von Grasbüschel zu Grasbüschel über den wässrigen Boden erreichbar, steht die Ruine eines Hauses. Einsam und verfallen inmitten der Torflandschaft. Längst haben die Bewohner es verlassen, sind geflohen vor Hunger und Einsamkeit, in ein besseres Leben in England, den USA, oder gar Australien oder Neuseeland...
Ob sie diesem Land jemals wirklich entkommen konnten? Ob sie es nicht mit sich trugen, tief versteckt in ihrem Inneren, ein Teil von ihnen, der sie, egal wo sie hingingen, nie ganz zur Ruhe kommen liess? Der die Erinnerungen an Hunger, harte Arbeit, und Hoffnungslosigkeit verblassen liess und sie stattdessen mit einer stetig schweelenden Sehnsucht erfüllte?
 
„Zur Hölle oder nach Connaught“ wünschen die Iren ihre Feinde.
Und doch erscheint diese Hölle Connaught mir, der Zivilisationsgeplagten, Fortschritt Gewöhnten, wie ein kleines Stückchen des Paradises. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Hier kennt man sich, und hier hilft man sich. Abends trifft man sich im nächsten Pub. Heute, wie jeden zweiten Samstag, ist Sean-nos Abend. Alle aus den im Umkreis verstreuten Häusern haben sich eingefunden, sitzen an der Bar oder am Feuer, man tauscht den neusten Klatsch und Tratsch aus, in der Hand das unersetzliche Pint Guinness. Die Atmosphäre ist die eines großen Wohnzimmers, Stimmengewirr und Lachen liegt in der Luft. Jeder kennt jeden, und jeder ist wohl irgendwie mit jedem verwandt. Ganze Dörfer tragen den gleichen Nachnamen, so dass die Leute inzwischen drei Vornamen haben, um sich voneinander zu unterscheiden. Padraig O’Sullaighvan heißen hunderte von Leuten, Padraig Mihal O’Sullaighvan dagegen schränkt die Auswahl schon etwas ein, und spricht man von Padraig Mihal Seamus O’Sullaighvan, so besteht sogar die Chance, dass der Gegenüber sofort die richtige Person mit dem Namen verbindet. Die Leute unterhalten sich auf Gälisch, guttural klingen die unverständlichen Laute aus ihrem Mund. In diesem entlegenen Winkel des Landes haben es selbst die englischen Besatzer nicht ausgehalten, so dass die Menschen ihre Sprache bis in die heutige Zeit retten konnten.
Dann geht es los, es wird mucksmäuschenstill. Sean Seamus Seanan O’Flaithbheartach ist als erster dran, ein alter Mann um die siebzig, in abgewetztem Anzug, Gummistiefel an den Füßen und die Kappe schief auf dem Kopf, gerade mal noch drei Zähne im Mund. Er schliesst die Augen, konzentriert sich kurz, dann fängt er an zu singen, ein altes gälisches Volkslied, so traurig, dass es mir, obwohl ich kein Wort verstehe, die Tränen in die Augen treibt. Die anderen lauschen andächtig, nur ab und zu gibt jemand einen kurzen Kommentar zum Inhalt des Liedes ab, oder lobt den Sänger für ein paar besonders schön getroffene Töne. Danach beifälliges Klatschen, eine kurze Pause, um an der Bar die nächste Runde zu bestellen, dann ist der nächste dran. Und so geht es den ganzen Abend weiter, einer nach dem anderen gibt ein Lied zum Besten, und jeder bekommt von den anderen die Aufmerksamkeit, die ihm dafür gebührt.
Auch mich fragen sie, ob wir in Deutschland denn nicht auch schöne Lieder hätten, von denen ich eines zum Besten geben könnte. Die einzigen Lieder, die mir in den Sinn kommen, sind in diesem Moment „Alle meine Entchen“ und „Ein Männlein steht im Walde“. Also lehne ich lieber ab. Sie verstehen meine Beteuerungen, dass ich nicht singen könnte, nicht. Hier kann jeder singen. Es wird ihnen in die Wiege gelegt, sie haben es im Blut. Nur Sean Seamus Seanan nickt verständnisvoll. Bei seinem Sohn sei das genauso. Der führe bis nach Dublin, um U2 oder Bruce Springsteen zu sehen. Aber auf einen Sean-nos im Dorfpub, da hätte er ihn schon seit 30 Jahren nicht mehr begleitet. So sei das eben mit den jungen Leuten heute. Alles würde sich ändern...

Wieder wandern meine Gedanken zurück zu der Familie, die einmal in dem verfallenen Haus am Meer wohnte. Wo es sie wohl hin verschlagen hat? Ob ihre Kinder und Kindeskinder heute Abend wohl irgendwo in einem Szeneclub in New York oder Sydney sitzen und die überlaute Musik auf sich eindröhnen lassen? Und ob sich vielleicht, tief in ihrem Inneren, ein Teil von ihnen leise nach einem nie gesehenen Land sehnt, nach dem Geräusch von Wasser, dem Duft des Torfes, und der friedlichen Stille, die sich über alles senkt...


To hell or to Connaught ... ich würde mit Vergnügen Connaught nehmen!

27.10.06 14:28
 


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