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Mein spannendes Leben

To hell or to Connaught

Eine unvertraute Stille breitet sich um mich aus. So weit das Auge reicht, nur Moor, Berge, vereinzelte karge Sträucher, und das Meer. Lediglich das Bellen eines Hundes in der Ferne zeigt mir, dass es da, irgendwo dort draußen, so etwas wie Zivilisation gibt.
Doch still ist es nur für unsere stadtgeplagten Ohren. Hört man genau hin, so ist die Luft erfüllt von tausenden von Geräuschen.
Steine, die unnatürlich laut unter meinen Schritten knirschen.
Eine Biene, die träge vorbeisummt.
Der Wind, der durch das Moorgewächs raschelt.
Und Wasser: Wasser, in all seinen akustischen Ausprägungen.
Regentropfen, die auf die Blätter der kargen Sträucher fallen.
Der moorige Boden, der meinen Fuß nach einem unbedachten Schritt nur widerwillig schmatzend wieder frei gibt.
Das glucksen und plätschern der Bäche, die den torfigen Grund durchfurchen.
Das leise Platschen der Meereswellen an den Strand...

Dort, direkt am Ufer, vom Weg nur durch gewagte Sprünge von Grasbüschel zu Grasbüschel über den wässrigen Boden erreichbar, steht die Ruine eines Hauses. Einsam und verfallen inmitten der Torflandschaft. Längst haben die Bewohner es verlassen, sind geflohen vor Hunger und Einsamkeit, in ein besseres Leben in England, den USA, oder gar Australien oder Neuseeland...
Ob sie diesem Land jemals wirklich entkommen konnten? Ob sie es nicht mit sich trugen, tief versteckt in ihrem Inneren, ein Teil von ihnen, der sie, egal wo sie hingingen, nie ganz zur Ruhe kommen liess? Der die Erinnerungen an Hunger, harte Arbeit, und Hoffnungslosigkeit verblassen liess und sie stattdessen mit einer stetig schweelenden Sehnsucht erfüllte?
 
„Zur Hölle oder nach Connaught“ wünschen die Iren ihre Feinde.
Und doch erscheint diese Hölle Connaught mir, der Zivilisationsgeplagten, Fortschritt Gewöhnten, wie ein kleines Stückchen des Paradises. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Hier kennt man sich, und hier hilft man sich. Abends trifft man sich im nächsten Pub. Heute, wie jeden zweiten Samstag, ist Sean-nos Abend. Alle aus den im Umkreis verstreuten Häusern haben sich eingefunden, sitzen an der Bar oder am Feuer, man tauscht den neusten Klatsch und Tratsch aus, in der Hand das unersetzliche Pint Guinness. Die Atmosphäre ist die eines großen Wohnzimmers, Stimmengewirr und Lachen liegt in der Luft. Jeder kennt jeden, und jeder ist wohl irgendwie mit jedem verwandt. Ganze Dörfer tragen den gleichen Nachnamen, so dass die Leute inzwischen drei Vornamen haben, um sich voneinander zu unterscheiden. Padraig O’Sullaighvan heißen hunderte von Leuten, Padraig Mihal O’Sullaighvan dagegen schränkt die Auswahl schon etwas ein, und spricht man von Padraig Mihal Seamus O’Sullaighvan, so besteht sogar die Chance, dass der Gegenüber sofort die richtige Person mit dem Namen verbindet. Die Leute unterhalten sich auf Gälisch, guttural klingen die unverständlichen Laute aus ihrem Mund. In diesem entlegenen Winkel des Landes haben es selbst die englischen Besatzer nicht ausgehalten, so dass die Menschen ihre Sprache bis in die heutige Zeit retten konnten.
Dann geht es los, es wird mucksmäuschenstill. Sean Seamus Seanan O’Flaithbheartach ist als erster dran, ein alter Mann um die siebzig, in abgewetztem Anzug, Gummistiefel an den Füßen und die Kappe schief auf dem Kopf, gerade mal noch drei Zähne im Mund. Er schliesst die Augen, konzentriert sich kurz, dann fängt er an zu singen, ein altes gälisches Volkslied, so traurig, dass es mir, obwohl ich kein Wort verstehe, die Tränen in die Augen treibt. Die anderen lauschen andächtig, nur ab und zu gibt jemand einen kurzen Kommentar zum Inhalt des Liedes ab, oder lobt den Sänger für ein paar besonders schön getroffene Töne. Danach beifälliges Klatschen, eine kurze Pause, um an der Bar die nächste Runde zu bestellen, dann ist der nächste dran. Und so geht es den ganzen Abend weiter, einer nach dem anderen gibt ein Lied zum Besten, und jeder bekommt von den anderen die Aufmerksamkeit, die ihm dafür gebührt.
Auch mich fragen sie, ob wir in Deutschland denn nicht auch schöne Lieder hätten, von denen ich eines zum Besten geben könnte. Die einzigen Lieder, die mir in den Sinn kommen, sind in diesem Moment „Alle meine Entchen“ und „Ein Männlein steht im Walde“. Also lehne ich lieber ab. Sie verstehen meine Beteuerungen, dass ich nicht singen könnte, nicht. Hier kann jeder singen. Es wird ihnen in die Wiege gelegt, sie haben es im Blut. Nur Sean Seamus Seanan nickt verständnisvoll. Bei seinem Sohn sei das genauso. Der führe bis nach Dublin, um U2 oder Bruce Springsteen zu sehen. Aber auf einen Sean-nos im Dorfpub, da hätte er ihn schon seit 30 Jahren nicht mehr begleitet. So sei das eben mit den jungen Leuten heute. Alles würde sich ändern...

Wieder wandern meine Gedanken zurück zu der Familie, die einmal in dem verfallenen Haus am Meer wohnte. Wo es sie wohl hin verschlagen hat? Ob ihre Kinder und Kindeskinder heute Abend wohl irgendwo in einem Szeneclub in New York oder Sydney sitzen und die überlaute Musik auf sich eindröhnen lassen? Und ob sich vielleicht, tief in ihrem Inneren, ein Teil von ihnen leise nach einem nie gesehenen Land sehnt, nach dem Geräusch von Wasser, dem Duft des Torfes, und der friedlichen Stille, die sich über alles senkt...


To hell or to Connaught ... ich würde mit Vergnügen Connaught nehmen!

27.10.06 14:28


Walked away

Endlich komme ich mal wieder zum bloggen! Tja, viel ist passiert, ich habe Dublin ein baldiges Wiedersehen sagen müssen und bin nun wieder zurück in Deutschland. Komisch, wie schnell man wieder in seiner alten Routine drin ist. Als wäre man nie weg gewesen.

Aber natürlich hat das auch viel gutes. Ich habe meine beiden Lieblingsmitbewohner wieder. Und einen eigenen Internet- und Telefonanschluss, der es mir ermöglicht (ok, ok, ich geb zu daß das nicht unbedingt heisst, dass ich diese Möglichkeit auch wahrnehme...) mit allen anderen Menschen, die mir wichtig sind, in Kontakt zu bleiben. Ich habe wieder Deutschlandradio Kultur in meiner Küche und kann mich so jederzeit von schönen Reportagen zu Paul Cezannes 100stem Todestag (vorgestern) oder dem neuesten aus der Berliner Jazz-Underground-Szene unterhalten lassen. Im Supermarkt überlege ich nun wieder, ob ich den teuren Wein für 1,99 nehme, anstatt wie in Irland gezwungenermaßen zum billigen Fusel für 4,99 zu greifen. Und da jetzt der Ernst des Lebens wieder anfängt und ich mich schon voll im Lernstress befinde, bin ich auch jederzeit für zeitintensive Ablenkbeschäftigungen empfänglich und habe mich somit für weitere Möglichkeiten, meine Person im Internet breitzutreten, entschieden:

www.myspace.com/walkaways81

... und im Studiverzeichnis bin ich auch...

 

 Tja, ansonsten ist wie gesagt schon längst wieder alles beim Alten, und da, wie gesagt, die Lernphase fürs Diplom angefangen hat, bin ich auch von morgends bis abends beschäftigt (... und komme noch seltener zum bloggen als in Irland.)

Es ist in Irland noch so viel passiert, von dem ich eigentlich hier erzählen wollte, aber vielleicht finde ich ja in den nächsten Tagen einmal Zeit, das nachzuholen. (...die hoffnung stirbt zuletzt...)

Nun aber erstmal zum hier und jetzt: Viel zu berichten gibt es eigentlich nicht, nur, dass ich am Freitag im Kino war, wollte ich mal erwähnen. Deutschland - ein Sommermärchen. Gut wars! Ich hätte nicht gedacht, dass eine Reportage über "unsere Jungs" so unterhaltsam sein kann. Ist sie aber. Und Jens Lehmann erstrahlt natürlich in voller Pracht. Und man wird wirklich vom Traum vom Weltmeisterschaftstitel gepackt, und die ganze WM-Stimmung kommt nochmal hoch. Und am Ende ist man dann fast ein bisschen überrascht, dass sie doch nicht Weltmeister werden. Filme haben doch sonst immer ein Happy End...

 

Naja, wir wissen ja alle: Im Prinzip bewahren die Italiener den Pokal nur 4 Jahre lang für uns auf...

 

Und ich beende hiermit meine "Rückmeldung", weil ich jetzt wirklich nichts mehr zu erzählen hab. 

 

24.10.06 19:03


Recht und Gerechtigkeit

... gerade habe ich ungefaehr 3 Seiten ueber etwas geschrieben, was mich in der letzten Woche wahnsinnig beschaeftigt hat. Es ging um einen Klienten, jemand, der mir sehr viel bedeutete, der am Dienstag sein Gerichtsurteil bekommen hat und jetzt fuer die naechsten 7 Jahre im Gefaengnis sitzen wird. Ich habe versucht, ihn zu beschreiben, euch ein Gefuehl davon zu geben, wieso er mir so wichtig war. Und immernoch ist. Aber als ich diese 3 Seiten am Ende nochmal durchlas, musste ich feststellen, dass das nicht wirklich er war, dass ich wohl noch tausend andere Seiten schreiben muesste um euch auch nur annaehernd begreiflich zu machen, was fuer ein Mensch er ist. Deswegen lasse ich es lieber.
Ich nehme an ich wollte einfach nur sagen, dass es mir verdammt schwer gefallen ist, mich von ihm zu verabschieden. Und dass mit diesem Rechtssystem irgend etwas nicht stimmt, wenn es einen Mann wie ihn fuer 7 Jahre hinter Gitter bringt. Sicher hat er etwas furchtbares getan, und natuerlich muss er dafuer bezahlen. Aber das schlimme an diesem Fall ist wohl, dass er den Grossteil seiner Strafe fuer etwas bekommen hat, was er meiner Meinung - und auch der aller anderen Leute hier, die ihn kennen - nach nie getan hat. Aber wenn man eine Jury von Leuten wie du und ich darueber entscheiden laesst, ob sie nun einem Maedchen Recht geben, dass weinend vor ihnen sitzt und von den furchtbarsten Sachen berichtet, die ihr Stiefvater ihr angetan hat, oder eben dem Stiefvater, einem 50jaehrigen Mann, der angesichts dieser Beschuldigungen voellig verstoert ist, sie bestreitet, aber zugleich auch nicht will, dass der Sache noch weiter nachgegangen wird, um seiner Stieftochter weitere Traumatisierung zu ersparen, dann ist der Ausgang dieser Entscheidung wohl immer vorprogrammiert: schuldig. Wer kann es ihnen verdenken? Jeder von uns wuerde wohl genauso reagieren.
Nur dass das eben nicht immer der Wahrheit entspricht.

Wie auch immer, ich koennte jetzt hier mein gesamtes rechtspsychologisches Wissen auspacken, ueber falsche Erinnerungen, Traumatisierung, Transferenz und der gleichen, aber das bringt ja nichts.
Fakt ist, dass er die naechsten 7 Jahre seines Lebens im Gefaengnis verbringen wird. Und ich damit irgendwie ueberhaupt nicht klarkomme. Viel weniger wahrscheinlich als er selbst, denn als er sich letzte Woche von mir verabschiedete und ich meine Traenen nicht so ganz zurueckhalten konnte, meinte er nur mit einem Laecheln, dass das schon in Ordnung waere, dass er "ready to go in" waere, dass er eben verdammt grosse scheisse gebaut haette und es einfach wichtig waere, fuer seine Stieftochter, fuer ihn selbst, fuer alle Beteiligten, ja sogar fuer das Rechtssystem und die Gesellschaft selbst, dass er dafuer bezahlt. Und da hat er ja auch Recht. Nur die Laenge der Strafe macht mich irgendwie fertig. Wenn ich denke, was in diesen 7 Jahren in meinem Leben alles passieren wird... waehrend seines einfach stillsteht...

Naja, wahrscheinlich interessiert mein Geschwafel hier sowieso niemanden, ich glaube, ich muss das nur mal fuer mich selbst loswerden. Auch wenn er etwas furchtbares getan hat, er ist trotzdem ein grossartiger Mensch. Und ich habe viel von ihm gelernt. Und werde ihn vermissen.

Punkt, Schluss, Aus.
6.10.06 17:59


Irish College Life

Tja, die Iren sind uns mal wieder voraus, hier hat das Semester schon letzte Woche wieder begonnen. Und ich habe Ratko's Planlosigkeit angesichts der sich ihm stellenden Semesteranfangsanforderungen - wir kennen das ja alle - als Vorwand genommen, um selbst einmal ein bisschen irische Collegeluft zu schuppern.
Nachdem Ratko das letzte Jahr irgendwie leicht verpennt hat, darf er sich auch dieses Jahr noch als "Fresher" bezeichnen und hat sich - meiner Meinung nach in einem Zustand geistiger Umnachtung - fuer BWL eingeschrieben. So hab ich mich also - trotz mangelnder innerer Ueberzeugung - voll von positiver Unterstuetzungswut in meine Motivatorrolle gestuerzt und ihn am Mittwoch zu seiner ersten Vorlesung begleitet (die am Montag und Dienstag hatte er natuerlich trotz hoher Motivation zur Besserung schon wieder verpasst...). Immerhin ist die Devise fuer dieses Semester: "No more time for fucking around!" (oder wie wir in Giessen zu sagen pflegen: "Schluss mit rumschlumpern!")
So fand ich mich also in einem Hoersaal zur Vorlesung "Introduction to Mikro-Economics" wieder. Auch angesichts der ganzen BWL-Studenten -- die hier nicht anders aussehen als in Deutschland -- habe ich mir Muehe gegeben, noch weiterhin Optimismus zu verspruehen. Die Vorlesung begann also, und da es die Fortsetzung einer Verantstaltung vom Vortag (die wir ja nun mal verpasst hatten...) war, hab ich erstmal garnichts kapiert. Trotzdem scheint der Stoff einigermassen Idiotensicher zu sein, und nach ca. 5 Minuten bin ich voellig im Thema "Bruttosozialprodukt" aufgegangen.
Ratko schien es mit der Eingewoehnungszeit aehnlich zu gehen, denn kurz darauf bemerkte er, leicht verzweifelt : "Maike? ...This is boring!!!"
Ich natuerlich schoen tapfer weiter am Optimismus verspruehen: "Wait a bit, I'm sure it's gonna get better..."
Wurde es aber nicht. Ich hab mir natuerlich nichts anmerken lassen. Trotzdem kam einige Minuten spaeter wieder Ratkos - inzwischen zunehmend verzweifeltere Stimme: "Maike? He's only reading out the stuff on the Powerpoint presentation..."
Ich weiterhin voller Zuversicht: "No, sometimes he also explains a bit..." (sometimes.... a LITTLE bit... that is obvious anyway...)
Ratko nahm sich gelangweilt das Buch seines Sitznachbarn und blaetterte darin herum. Dann noch entsetzter: "Maike! The explanations he gives are exactly the same than in this book here!" Ich warf einen kurzen Blick auf die Seite und musste ihm zustimmen. Darauf hin Ratkos voellig verzweifelter Ausruf: "Maike! So we really shouldn't be here!!!"
Naja, gesagt getan, irgendwie hatte er Recht, wir sind also lieber Kaffeetrinken gegangen. Aber immerhin haben wir es 15 Minuten da drin ausgehalten...

Der naechste Tag war schon besser, eine Vorlesung in Sozialpsychologie stand auf dem Programm (Psycho ist sein Nebenfach) und die war recht interessant (auch, wenn ich natuerlich alles schon wusste... klar... ). Ich habe auf jeden Fall beschlossen, die restlichen Wochen, die ich noch hier bin, weiter in die Psychovorlesungen zu gehen. Die Vorlesungen hier sind irgendwie besser an die doch recht begrenzte Aufmerksamkeitsspanne meiner Generation angepasst und dauern nur eine Stunde lang - von der die letzten 20 Minuten meist ein Video gezeigt wird. Ich schaffe es also ausnahmsweise einmal, eine ganze Vorlesung hindurch zuzuhoeren! Und das tut meinem Selbstbild ja SOOOO gut! (The Self - war das Thema der ersten Sozialpsychovorlesung)

Nun denn, es ist Freitag nachmittag, kurz vor 5, und wenn ich mir die 20 Minuten Fussweg zur S-Bahn sparen will, muss ich jetzt los.

Und weg samma.
22.9.06 17:56


Wettbewerb

Na, kann irgendjemand mithalten im Wettbewerb um den schoensten Weg zum Arbeitsplatz???

 

 


18.9.06 15:33


The smell of Dublin

So, nachdem ich hier auf der einen Seite Daniels Beschwerde habe, dass ich zu selten schreibe, auf der anderen Seite aber keine Lust verspuere, die gegenwaertig etwas emotional-rollercoaster-maessigen Geschehnisse in meinem Leben hier breitzutreten, werde ich heute einem vor einigen Wochen geaeussterten Wunsch nachkommen und euch durch eine olfaktorische Reise durch Dublin mitnehmen. Lasst uns beim Durchschreiten meiner Haustuer beginnen. Durch das Kuechenfenster zieht der penetrante Geruch von Ruehrei mit Wurst, den meine lieben polnischen Mitbewohner mir mit auf den Weg schicken. Ein Stueck weiter des Weges vermischt sich der Duft der verbluehenden Rosen unserer Nachbarn mit dem modrig-erdig-nassen Odour, das der Regen letzte Nacht aus dem Boden hervorgezauert hat. Er begleitet mich auf meinem Weg die Strasse hinunter, nur ab und zu von Autoabgasen und bluehenden Vorgaertenblumen uebertoent. Dann etwas undefinierbares. Kuenstlich-fremd und doch vertraut: Die Kartonagenfabrik. Weiter geht es am Kanal entlang. Zwischen geradlinigen Betonmauern verlaufender fauliger Modergeruch, angeschwollen (und leicht bereinigt) vom Regen der vergangenen Nacht. Vorbei am Kino. Fettiger Popcornduft. Ein bisschen erinnert er mich an den Geruch um die Ecke von meiner Giessener Wohnung. Nur dort ist er suess, zuckrig, karamellisiert. Hier trieft er vor Butter und salzigem Durst. Ich komme an der Bushaltestelle an. Abgaswolken ziehen an mir vorbei. Oel und Benzin. Und doch halte ich meine Nase in den Wind. Ich habe Glueck - er steht guenstig. Kakaoig geschmolzener Schokoladenduft steigt mir in die Nase. Die Cadbury-Schokoladenfabrik liegt genau gegenueber. Ich schliesse die Augen, atme tief ein, und vor meinem inneren Auge erscheint Willie Wonka (natuerlich in Gestalt von Johnny Depp, der in meinem eigenen Film in voller Pracht erstrahlt und nicht zu dem psychopatischen Creep der Hollywoodversion verschandelt wurde...), der mich, begleitet von seinen Uumpa-Woompahs (oder wie die heissen) durch seine wundersame Welt aus Schokoladenbaeumen und Fluessen von geschmolzener Braun fuehrt. Der ankommende Bus holt mich in die Wirklichkeit zurueck. Ich steige ein. Schweiss, vermischt mit schwerem Parfuem und ausgebrochenem Deo. Chips und anderes Fast-Food. Ein in die Sitzbezuege eingesunkenes olfaktorisches Tagebuch tausender ordinaerer (und weniger ordinaerer) Leben. 20 Minuten lang bleibt es mit mir. Dann, endlich, die Stadt. Smog. Vermischt mit Meergeruch und dem modrigen Wasser des Liffey. Die Ausduenstungen tausender von Menschen aller erdenklicher Kulturen vermischen sich zu einem unidentifizierbaren Stadtgeruchbrei. Es ist schwer, sich auf den Geruch zu konzentrieren. Zu viele visuelle und akustische Eindruecke hageln auf mich ein. Trotzdem gehe ich weiter, vorbei an Fish & Chips-Imbissen, polnischen Lebensmittellaeden und dem Geruch der billigen Plastikwaren der 1-Euro-Laeden. O'Connell-Street mit dem niemals endenden Abgasgestank. Henry Street - der Geruch wird etwas exklusiver, neue Klamotten, mit einer Spur des Odeurs ihrer vietnamesischen oder koreanischen Herkunft. Dann biege ich in Moore Street ab. Fisch vermischt sich mit den Ausduenstungen verfaulender Obst- und Gemuesewaren der Marktstaende. "All them Bananas there for a Eurrro" toent es - auch, wenn man das natuerlich nicht riechen kann. Den seit Jahrhunderten in dieser Strasse vorherrschenden Geruechen werden seit einigen Jahren jedoch Konkurrenz gemacht - hat sich rund um diesen Markt, wo alte irische Marktfrauen lautstark ihre Waren anpreisen, doch das Dubliner Chinatown etabliert. Jetzt vermischt sich der Dunst chinesischer Restaurants mit afrikanischen Gewuerzen und irischen Kartoffeln. Und ich muss meine Nase erstmal ignorieren, um in Ruhe einkaufen zu koennen. Man hoert (oder riecht) sich.
1.9.06 18:05


Und die Zeit...vergeht...

Unglaublich, wie die Tage und Stunden im Moment an mir vorbeigaloppieren. Ich weiss garnicht, wie ich die Geschehnisse der letzten eineinhalb Wochen hier so kurz zusammenfassen soll. Aber ich will natuerlich nicht das Risiko eingehen, euch die kleinen und grossen Hoehen und Tiefen meines Lebens vorzuenthalten. Also los: Am Freitag vor eineinhalb Wochen hatte ich meine erste Intervention in der Gruppentherapie! Oh Gott war das aufregend. Ich meine, man kann da ja so viel falsch machen! Irgendwas falsches sagen und der arme Mensch springt danach von der naechsten Bruecke oder so! Ist aber zum Glueck alles gut gegangen und ich hab sogar gutes Feedback bekommen am Schluss. Trotzdem muss ich mich glaube ich erstmal daran gewoehnen, so viel Verantwortung zu tragen J Ueberhaupt ist die Therapie hier geistig ganz schoen anspruchsvoll. Ich meine, schon alleine den Berichten von alltaeglichen Geschehnissen aus dem Leben der Patienten zu folgen ist alles andere als einfach. Die meisten von ihnen haben mindestens 10 Geschwister (der Rekord liegt bei 21!!!), die alle John, Paddy, Michael, Siobhan, Aoife, Mary und so weiter heissen, die haben dann wiederum alle mindestens 10 Kinder, die alle John, Paddy, Michael, Siobhan, Aoife, Mary und so weiter heissen, dazu gibt es dann noch Onkel und Tanten und eigene Kinder und Freunde und so weiter, die alle John, Paddy…ihr wisst schon…heissen… Und wenn dann jemand erzaehlt: “Ich hab mich gestern mit Michael getroffen…” dann muss man erstmal nachfragen: “Ist das jetzt Michael dein Sohn oder Michael dein Bruder oder Michael dein Arbeitskollege?” und bekommt dann zur Antwort: “Nein, ich meine Michael meinen Onkel…”. Und in der Gruppe sind 6 Maenner. Und jeder von ihnen hat Kinder, Geschwister, Neffen, Nichten, Freunde, Eltern, Onkel usw die John, Paddy, Michael – ihr wisst schon – heissen. Und da soll man dann noch irgendwie den Durchblick behalten. Aber ich tue mein Bestes. Insgesamt macht es aber wirklich Spass und ist furchtbar spannend. Ich kann immer kaum erwarten, bis wieder Freitag ist und “meine” Gruppe kommt. Das folgende Wochenende habe ich dann mit Ratko und 2 Freunden von ihm, die zu Besuch aus Cork waren, verbracht. Sie kommen ebenfalls aus Serbien, und es ist irgendwie schon heftig, wenn man so smalltalkmaessig nett laechelnd fragt, wieso sie denn nach Irland gekommen sind, und dann als Antwort bekommt: “Weil ich keine Lust mehr hatte, jeden Tag mit einer AK 47 durch die Gegend zu rennen…” Ansonsten waren die Tage aber echt lustig. Am Dienstag ist Patrick dann endlich wieder nach Irland gekommen und hat seinen Bruder Michel mitgebracht. Zu fuenft ist das Haus schon ganz schoen voll, aber bis jetzt geht alles noch einigermassen gut. Die beiden wollen hier ja ihre eigene kleine Baufirma aufbauen, und deswegen war ich die ganzen letzten Tage mit der Erstellung und Verteilung von Flugblaettern, tausenden von Telefonaten mit Versicherungen, Baumaerkten, Firmengruendungsfirmen usw. beschaeftigt, weil die beiden selbst viel zu sehr damit beschaeftigt sind, wegen jedem Mist ihre bruederlichen Kleinkriege auszutragen. Aber mein Einsatz hat anscheinend was gebracht, zumindest haben sie heute schon ihren ersten Job. Und ich selbst werd wohl in den naechsten Wochen den ein oder anderen Promotionjob fuer meinen alten Freund (und privaten Arbeitsvermittler) Pat machen und so hoffentlich meinen gaehnend leeren Geldbeutel etwas fuellen koennen. Ausserdem habe ich am Donnerstag ein Treffen mit einem anderen Psychologen, der mir hoffentlich noch ein paar Tage pro Woche in einer anderen Praktikumsstelle verschaffen kann, um mein Erfahrungsspektrum etwas aufzubessern. Also auch auf dem Gebiet geht es langsam vorwaerts. Ausserdem sind natuerlich noch unzaehlige Kleinigkeiten passiert, die ich euch unbedingt erzaehlen wollte und jetzt – was ja klar war – vergessen habe. Und jetzt werde ich mich mal in meine wohlverdiente – und schon seit 20 Minuten ueberfaellige- Mittagspause begeben. Ach ja, noch eine Entschuldigung fuer alle unbeantworteten Emails der letzten Wochen. Irgendwann komm ich zum Lesen, und wenn ihr ganz viel Glueck habt sogar zum Antworten, versprochen. Also, machtet jut.
22.8.06 14:11


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